KI ist in aller Munde. Ähnlich, wie auch schon bei anderen Themen, wird die Debatte immer emotionaler geführt. In der manchmal ausufernden Form erinnert die Auseinandersetzung fast an frühe Bilderstürmerei. Es geht scheinbar um Gut oder Böse. Schwarz-Weiß geführt Diskussionen sind aber eher hinderlich. Dass die Debatte notwendig ist, steht außer Frage. Der Kontext, in dem man sich über das Thema auseinandersetzt, ist dabei immer zu berücksichtigen, wenn die Diskussion nicht weltanschaulich geführt werden soll…
Arbeitsprozesse, nicht nur heutige, sind dramatischen Veränderungen unterworfen. Die kann man schlecht oder gut finden. Technologische Transformationsprozess, haben immer Opfer gekostet. Eine pauschale Antwort darauf kann sein, dass wir sonst technogisch immer noch „auf den Bäumen“ hocken würden. Natürlich ist dies eine extreme Verkürzung, die ignoriert, dass Prozesse auch moderiert werden können. Ungeduld oder schneller potenzieller Gewinn stehen der Vernunft oft entgegen.
KI und all die dramatischen Folgen, welche sich daraus ergeben, müssen diskutiert werden können – auch sehr emotional. Das steht außer Frage. Wir stehen vor großen Veränderungen. Letztendlich ist KI aber auch nur ein Werkzeug, welches im banalsten Fall schlechte oder maximal durchschnittliche Ergebnisse erzielt. Im Laufe der letzten Jahrzehnte gab es ähnliche Prozesse, die eine Vielzahl von Berufsfeldern auslöschte. Problematisch ist es, wenn KI nur reproduktiv ist, im Sinne des bloßen Kopierens kreativer Leistungen, aber auch, wenn zum Training der KI-Modelle Leistungen von Kunstschaffenden ungefragt und unhonoriert kopiert werden.
Die Entwicklung der digitalen Fotografie und des Desktop-Publishing hat Berufe in Fotografie und Vorstufe radikal verändert oder gänzlich verschwinden lassen, gleichzeitig aber neue, digital geprägte Jobs und Arbeitsabläufe geschaffen, die Kreativen mehr Geschwindigkeit, Kontrolle und Reichweite ermöglichen. Zugleich wird deutlich, dass heute auch privat genutzte Geräte und Anwendungen – von Smartphone‑Kameras bis WYSIWYG‑Layoutsoftware – sich genau jene Tätigkeiten und Möglichkeiten angeeignet haben, die früher eigenständige Jobs in Laboren, Setzereien und Reproabteilungen ausfüllten. Diese kreativen Jobs gibt es nicht mehr.
Digitale Fotografie
Mit der Verbreitung der digitalen Fotografie in den 1990er Jahren und der späteren Smartphone‑Integration kollabiert das Geschäftsmodell der 1‑Stunden‑Labore; analoge Laboranten, Trommelscanner‑Operatoren und photochemische Jobs verlieren ihre Arbeits-Grundlage, während eine Verlagerung in Retusche, Farbmanagement, Datenverwaltung und Online‑Distribution stattfand. Zugleich professionalisierte sich die digitale Postproduktion: Retusche wird wichtiger, weil Ergebnisse sofort sichtbar sind. Zeitungen beschäftigen kaum mehr Fotografen; anfangs, weil jeder den Knopf einer Digitalkamera betätigen konnte – und heute tun es die Smartphones ungleich besser.
Gelernte Fotografen wurden durch „Automaten“ ersetzt, die durchschnittliche Ergebnisse auf Knopfdruck erledigen. Solange Durchschnitt gewünscht ist, funktioniert dies auch. Digitale Fotografie, sei es mit modernen Kameras oder Smartphones, führt zu einem massiven Aufkommen von Bildern. Kostenlose Online-Bilddatenbanken trugen zum beruflichen Tod von Fotografen bei. Die Masse machts. Gelernt wird nicht mehr. Selbst gestalterische Gedanken werden einem mit den modernen Smartphones abgenommen. Perfekte Ergebnisse entstehen durch immer perfektere Computer-Algorithmen (KI). Bilder werden „automatisch gut“ – nicht durch handwerkliches Können. Digitale Bildbearbeitung ersetzte analoge Retusche. War es zu Beginn nur das Nachvollziehen des analogen Prozesses, kamen später Knopfdruck-Automatiken hinzu, die Bilder „verbesserten“. Aktuell wird immer mehr Soft- und Hardware mit KI-Funktionen ausgestattet, die uns alles abnimmt. Es ist naiv anzunehmen, dass all diese Ergebnisse KI-frei sind.
KI-generierte Bilder sind inzwischen so gut, dass sie kaum mehr von analogen Bildern zu unterscheiden sind. Instagram hat inzwischen aufgegeben, KI-generierte Bilder automatisch erkennen zu wollen. Diese Plattform wünscht nun die Kennzeichnung „echter“ Fotos, schon in den Kameras selbst. Dumm nur, dass diese kaum mehr ohne KI entstehen.
Große Verlage nutzen die Gelegenheit, vollständig auf KI-Bilder zu setzen. In der politischen Auseinandersetzung dienen KI-generierte Bilder als Waffe. Das funktioniert, weil sich zu wenige Nutzende Gedanken um den Kontext machen, in dem Bilder stehen. Schon in den Anfängen der analogen Fotografie wurde „geschummelt“. Ein gesunder Zweifel ist also immer angebracht.
Wer KI grundsätzlich ablehnt, dürfte selbst nur noch analog (also mit Film) fotografieren, mit allem, was dazu gehört. Das Handy und die modernen Kameras gehören dann in den „Giftschrank verbannt“. Geschieht dies?
Desktop-Publishing
Das Desktop-Publishing bündelt ab Mitte der 1980er Jahre Satz, Layout, Bildbearbeitung sowie Proof am Bildschirm und zieht Kompetenzen aus Setzereien und Reprobetrieben in Studios und Einzeldienstleister, wodurch Fotosatz, Klebemontage, Repro‑Kamera und manuelle Farbseparation massiv schrumpfen. Mit Computer to Plate (CTP), also der Übertragung digitaler Daten direkt von einem Computer über einen Laser auf eine Druckplatte, entfallen Filme und chemische Montagen. Zugleich transformieren PDF/X‑Standards, ICC‑Farbmanagement, RIP‑Steuerung, Preflight und automatisierte Anordnung der Seiten auf einem Druckbogen, die verbleibende Vorstufe in kleinere, hochqualifizierte Prozess‑ und Qualitätsabläufe.
Gehen wir noch etwas weiter in die Vergangenheit, wurde der klassische Bleisatz als Beruf ausgelöscht. Jede(r) kann heute Arbeitsprozesse beginnen, die früher Fachleuten vorbehalten waren. Hindert uns dies, diese zu nutzen? Wenden wir diese modernen Werkzeuge kreativ an oder greifen wir auf vorgefertigte Vorlagen zurück und modifizieren sie im besten Fall? Die Plattform CANVA bietet schon längere Zeit automatisierte Layouts.
Die markantesten Jobverluste betreffen verbrauchernahe Minilabor‑Shops, analoge Laboranten, Repro‑Kamera‑Operatoren, und manuelle Farbseparatoren, weil digitale Workflows und CTP diese Teilschritte ersetzten oder überflüssig machen. Heute sind es digitale Fotoentwicklungsangebote, z. B. in Drogeriemärkten. Transformiert werden analoge Retusche in digitale Compositing‑ und Retusche‑Vorgänge sowie klassische Vorstufenprofile in Farbmanagement, Workflow‑Automation, PDF/X‑Sicherheit und RIP, womit Handarbeit zugunsten softwaregestützter und immer stärker automatisierter Arbeitsprozesse weicht.
Inzwischen gibt es digitale Plattformen, die KI-gestützt alle Gestaltungsaufgaben extrem kostengünstig oder sogar kostenlos übernehmen. Deren Nutzung zerstört natürlich ganze Berufszweige. Sind diese Plattformen kreativ? Eher nicht. Denn auch hier kann das gelernte und dann reproduzierte Ergebnis nur Durchschnitt sein. Den meisten genügt es. Weil es sooo bequem ist, wird es auch genutzt. Die Folgen interessieren eher nicht…
Private Nutzung als Jobkiller
Was früher spezialisierte Gewerke erledigten, leisten heute auch Privatpersonen mit Smartphones, intuitiver oder KI-gestützter Bildbearbeitung: Alltagsfotos werden digital geteilt statt als Papierabzüge entwickelt, wodurch die ökonomische Basis der Schnelllabore sich in Luft auflöste. Ebenso ermöglichen WYSIWYG‑Layoutprogramme und standardisierte PDF‑Exporte Kleinstunternehmen und Einzelpersonen, Flyer, Magazine oder Broschüren intern zu erstellen, was „geklebte“ Layouts als Druckvorlagen, Fotosatz und analoge Retusche als ausgelagerte Dienstleistungen weitgehend ersetzte.
Moderne Arbeitsprozesse
Wie in früheren dramatischen technologischen Veränderungen ersetzt Technologie, wie z. B. KI, nicht Kreativität als solche, sondern verschiebt sie in neue Arbeitsflüsse: Digitale Retusche, Color‑Management, softwareseitige Interpretation und Prüfung von Satz- und Bilddaten, digital gestützte Bildredaktion und ganzheitliche Gestaltung und Optimierung Gestaltungs- und Produktionsprozesse gewinnen an Bedeutung, während chemische und photomechanische Teilschritte verschwinden. Diese Verschiebung gilt sowohl im professionellen Umfeld als auch in der Breite der privaten Nutzung, die mit denselben Werkzeugprinzipien arbeitet und so ganze Segmente traditioneller Arbeitsmärkte entlastete oder verschwinden lässt.
Und?
Hat dies dazu geführt, dass wir digitale Kameras, Smartphones, Computer, spezialisierte Software, Online-Plattformen, Dienstleister, Medien, die direkt oder indirekt dazu beitragen, analoge kreative Berufe zerstören oder zerstörten, nicht mehr nutzen oder diejenigen stigmatisieren, die sich dieser Werkzeuge bedienen? Nein. Sie werden alle als Werkzeuge genutzt.
Manche machen mehr mit diesen Werkzeugen, andere weniger. Das wird auch in Zukunft nicht anders sein. Müssen wir aus Angst vor möglicher Verdrängung zum aggressiven Bilderstürmer werden? Wollen wir, dass zukünftig wieder klassisch im Bleisatz gesetzt wird? Akzeptieren wir nur analog erstellte Bilder, die per Hand entwickelt wurden?
Wo fangen solche Einschränkungen anderer an und wo enden sie irgendwann? Vor allem, sind diejenigen bereit, für Produkte erheblich mehr Geld auszugeben, wenn dort z.B. Illustrationen oder Fotos enthalten sind, für die entsprechende Künstler angemessen honoriert wurden? Würden wir alternativ reine Textwüsten kaufen, weil aus finanziellen Gründen keine Illustrationen vorhanden sind? Nein! Die Realität zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Wer also reflexartig meckert, sollte überprüfen, ob er sich in allen Lebenslagen konsequent verhält …
Im normalen Leben trauern viele den „Tante-Emma-Läden“ nach. Geld und Bequemlichkeit haben sie verdrängt. Fachläden sterben aus, weil die Beratung dort gerne geholt, aber im Internet gekauft wird. Autofahrende nutzen gerne moderne Routen-Software, die dank spezieller Algorythmen (KI) ums problemlos ans gewünschte Ziel bringen. Analoge Karten kann kaum jemand mehr richtig nutzen. Für die Recherche im Netz greifen immer mehr aus Bequemlichkeit auf die KI-generierten Ergebnisse zurück, als selbst nachzudenken. Die Liste der mehr oder weniger passenden Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen.
Wir alle treffen in unserem Leben aus unterschiedlichsten Gründen Entscheidungen, die natürlich nicht folgenlos sind. Es nützt nichts, Technik pauschal zu verdammen. Es geht darum, Werkzeuge möglichst kreativ zu nutzen und dabei alle Nebeneffekte nicht aus den Augen zu verlieren.
😉