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Chryseia Fantasy Geschichte Griechenland Magira

Die Erfindung der Lyra aus chryseiischer Sicht

Europos (Hermes) und die Lyra

Nicht wundern. Dieser Exkurs führt in das fiktive Land Chryseia in Deutschlands ältester kontinuierlich bespielter Fantasy-Welt Magira, mit seinem griechisch-byzantinischen Hintergrund. Die Erfindung der Lyra durch den antiken griechischen Gott Hermes ist mehr als eine bloße Geschichte. Sie zeigt ein Bild der Vorstellungswelt eines antiken Griechenland, welches sich so nur wenige vorstellen können. Diese Geschichte ist so bemerkenswert, dass sie für Chryseia adaptiert wurde.

Es gibt übrigens eine Musikinstrumentenwerkstatt auf der Zitadelle Spandau (www.klang-holz.de), in der das erste aller Saiteninstrumente in vielen Variationen selbst gebaut werden kann.

Die erste Lyra (Chelys), gefertigt aus dem Panzer einer Schildkröte
Die erste Lyra (Chelys), gefertigt aus dem Panzer einer Schildkröte (KI-Bild: www.salecker.info)

Kein Musikinstrument in Chryseia kommt der Lyra gleich. Von einem Gott, kurz nach seiner Geburt erfunden, stellt sie nicht nur ein einfaches Instrument dar, genau sowenig, wie Europos ein gewöhnlicher Gott ist, sofern Götter überhaupt gewöhnlich genannt werden dürfen. Europos ist mehr mit den Atsingari und den Dieben verbunden, als jeder andere Gott Chryseias, von der Göttin Niana (Vana) einmal abgesehen.

Die Lyra symbolisiert mehr, als nur unterhaltsame Klänge hervorzurufen. Ein besonderes Beispiel für die Kunstfertigkeit auf dem Instrument sind die Rhapsoden. Als wandernde professionelle Sänger tragen sie epische, satirische oder Weisheits-Dichtungen, Rhapsōidia genannt, bekannter Dichter vor. Ihren Vortrag begleiten sie mit unterschiedlichen Varianten der Lyra (Phorminx, Chelys, Kithara, Barbitos).

Wenig andere Dinge verkörpern die enge Verbundenheit der Atsingari zur Geisterwelt Chryseias, wie dieses Instrument, welches drei Welten in sich vereint: Tod und Leben, sowie die Geisterwelt. Das Traumgeschehen auf Magira wurde schon vielfältig thematisiert. Dabei darf Europos, der Überbringer von Träumen nicht vergessen werden, auch wenn dies nicht seine eigentliche Aufgabe ist. Diese verteilt sich zumeist auf Hypnos und seine Kinder, die Oneiroi.

Alle Diebe Chryseias verehren Europos, den Trixter, als einen der ihren. Die Anhänger des Jakchos tun es ebenso, nur aus anderen Gründen. Jedem Menschen wird er mindestens einmal begegnen: nämlich auf dem letzten Weg, wenn Europos als Psychopompos die Seelen der Verstorbenen in den Orkus geleitet. Mögen die anderen Götter über seine Streiche die Stirn runzeln, lange böse sein können sie ihm nicht. Das war wohl schon immer sein größtes Talent.

Die Geburt des Europos

Singe, Muse, von Europos, dem Sohn des Thassaidon und der Oreade, dem freundlichen Boten der Unsterblichen, dem Schlüpfer durch Türen, dem Finder von Wegen, dem Herrn beider Seiten jeder Schwelle.

Europos wurde geboren aus der Oreade, als sie sich in Liebe mit dem Meeresgott vereinte. Oreade war eine scheue Göttin; sie mied die Gesellschaft der anderen Götter und Göttinnen und wohnte lieber in der Tiefe einer schattigen Höhle, wie ein Tier, das sein Haus auf dem Rücken trägt und das Licht der Welt nur aufsucht, wenn es sein muss.

Dorthin kam der triebhafte Meeresgott zu ihr, verborgen vor den Blicken von Göttern und Menschen, in tiefster Nacht, während der Schlaf Gaia, die Quelle allen Lebens und Thassaidons eigentliche Frau, fest in seinen Banden hielt. Als die Lust des großen Thassaidon gestillt und der neunte Mond am Himmel vollendet war, gebar Oreade einen Sohn, und was für einen.

Er war von vielfältiger Natur: sanftmütig und listig zugleich, ein Dieb, ein Lügner, ein Viehtreiber, ein Bringer von Träumen, ein Wächter in der Nacht, ein Schlüpfer durch Türen. Er war ein Gott der Schwellen, einer, der wusste, dass jede Grenze zwei Seiten hat, dass die Stille singen kann und dass der Gesang verstummen muss, dass Steine atmen und dass Menschen zu Stein werden. Er war der Gott des Übergangs, vom Diesseits ins Jenseits, vom Jenseits ins Diesseits, vom Schweigen zum Klang, vom Klang zurück ins ewige Schweigen. All dies wussten im Augenblick seiner Geburt die Moiren, die selbst der Götter Schicksalsfäden spinnen. Als dies geschrieben stand, war Europos noch nicht einmal einen Tag alt.

Das Tier in seinem steinernen Haus

Hermes (Europos) erblickt erstmals die Schildkröte
Hermes (Europos) erblickt erstmals die Schildkröte (KI-Bild: www.salecker.info)

Mit dem Morgengrauen geboren, spielte Europos am Mittag bereits auf der Lyra. Und am Abend des vierten Tages seines Lebens stahl er das Vieh des unfehlbaren Ether, dessen Pfeil jedes Ziel trifft.

Kaum war er dem Schoß seiner Mutter entsprungen, lag er nicht lange still in seiner Wiege, sondern sprang auf und suchte die Welt. Doch als er über die Schwelle der Höhle trat, fand er zuerst etwas anderes, etwas Kleines, Stummes, Hartes. Dort, am Tor der Höhle, fraß eine Schildkröte auf dem saftigen Gras. Sie watschelte gemächlich, als hätte sie alle Zeit der Welt, und hatte sie vielleicht auch. Denn die Schildkröte kennt keine Eile, und der Grund dafür ist einfach: Sie trägt ihr Haus auf dem Rücken. Einen gewölbten Panzer, glatt und hart wie Stein, wie gebrannten Ton, keramos, ostrakon, lithos, so sahen ihn die Bewohner des alten Illyion, die darin weder Horn noch Knochen erblickten, sondern das Mineralreich selbst.

Der Weise Empedokles nannte die Schildkröte lithorrhinai, mit einer Haut aus Stein versehen. Das Tier lebte in diesem Stein, atmete in ihm, ein atmender Stein, ein lebendes Grab. Denn oikos und lithos bedeuten im chryseiischen nicht nur Haus und Stein, sondern auch Grabmal.

Und sie schwieg. Die Schildkröte war anaudos, stimmlos, stumm, so ein berühmter Philosoph, stumm wie der Tod, dem sie täglich auf Schritt und Tritt ähnelte. Ein anderer vermerkte eigens, dass in einigen wenigen Fabeln, wo sogar die Schildkröte spricht, dies etwas Besonderes sei, weil sie es sonst eben nicht tut.

Aber die Schildkröte hatte noch andere Geheimnisse. Im Herbst, wenn die Kälte kam, grub sie sich in die Erde, legte ihre Eier in die Tiefe und bedeckte sie. Die Menschen beobachteten, dass sie die Stelle mit Fußabdrücken markierte, die fast wie Buchstaben aussahen, eine unterirdische Schrift für die Rückkehr ins Leben.

Dann versank die Schildkröte selbst in einen todesähnlichen Schlaf, phleuei, aus dem sie erst im März oder April wieder erwachte. Sie stieg aus dem Orkus zurück ins Licht, so wie ihre Jungen vor ihr, schamanisches Urbild des Abstiegs und der Wiederkehr. Kein Wunder, dass Alchemisten das Tier noch heute orcue nennen, von bestia orcuea, dem Wesen aus dem Orkus. Die Schildkröte kannte den Weg in die Unterwelt besser als die meisten. Und sie kannte auch den Weg zurück. Sie war, was Europos selbst war: eine Bewohnerin der Schwelle.

Hinzu kommt noch eine Tugend der lebenden Schildkröte, die Europos in seinem ersten Gruß ausdrückt. Ein uralter Hymnos Illyions nennt sie ein echma, ein Abwehrmittel, einen Schutz gegen das, was unverhofft hereinbricht, was von oben herabfällt ohne Einladung. In den Geoponicae, den antiken illyrischen Handbüchern des Landbaus, wird erklärt, wie man eine lebende Schildkröte auf den Rücken dreht, sie in der rechten Hand durch den Weinberg trägt und in dessen Mitte ablegt, die Erde ringsherum aufgehäuft, damit sie sich nicht umdrehen kann. So schützt man die Reben vor dem Hagel. Denn der Hagel, chalaza, ist das genaue Gegenstück zum Schildkrötenpanzer: verfestigtes Wasser fällt laut aus dem Himmel in der heißen Jahreszeit; der Panzer ist verfestigte Erde, still und träge am Boden. Die auf den Rücken gelegte Schildkröte wird zum Spiegel des Hagels, und wie jeder Spiegel schlägt sie das Bild seines Gegenübers in die Flucht. Ether selbst trug wegen seines Klangs in Illyions größter Provinz Illyionia den Beinamen Chalazios, der Hagelgott, weil der Hagel prasselt wie ein Instrument, das niemand bestellt hat.

Es war Europos, der die Schildkröte zum ersten Mal zum Sänger machen sollte. Als er das Tier sah, lachte der Glücksbringende und sprach: „Ein Omen großen Glücks für mich, so früh schon! Sei gegrüßt, Gefährtin des Festmahls, lieblich in Gestalt, klangvoll im Tanz! Woher hast du diesen prächtigen Schmuck auf dem Rücken, diese steinerne Schale? Lebendig bist du ein Schutz, ein echma gegen das, was über uns hereinbrechen könnte, wie Hagel aus einem klaren Himmel oder Unheil aus einer stillen Nacht. Doch wenn du stirbst, dann wirst du den süßesten Gesang hervorbringen.“ Er nahm die Schildkröte mit in die Höhle. Dort drehte er sie auf den Rücken.

Der Bau der Lyra oder die Vereinigung dreier Reiche in einem Instrument

Hermes (Europos) spielt auf der Schildkrötenlyra (Chelys)
Hermes (Europos) spielt auf der Schildkrötenlyra (Chelys) (KI-Bild: www.salecker.info)

Wie ein flüchtiger Gedanke durch das Herz eines Mannes fährt, so hatte der glorreiche Europos Gedanken und Tat bereits beieinander. Er schöpfte das Mark der Schildkröte heraus, reinigte ihren steinernen Panzer, die Wölbung, die einst eine Seele beherbergt hatte und nun eine Höhle für den Klang werden sollte. Dann arbeitete er mit ruhiger Meisterschaft, und in seiner Arbeit vereinigte er drei Welten.

Aus dem Steinreich kam der Panzer, keramos, gebrannte Erde, hart und klingend wie Ton aus dem Feuer. Aus dem Pflanzenreich kamen die Schilfrohre, die er nach Maß abschnitt und über den Rücken des Panzers band, und das Holz der zwei gebogenen Arme, die er beiderseits befestigte und die sich nach oben wölbten wie die Hörner eines jungen Stieres. Oben verband er sie mit einem Querholz, dem Joch, das die Form zusammenhielt. Aus dem Tierreich kam die Rinderhaut, die er straff über die offene Wölbung des Panzers zog wie ein Fell über eine Trommel. Und schließlich sieben Saiten aus Schafdarm, jede einzeln gespannt, jede mit ihrem eigenen Ton. Sieben Saiten. Sieben Stimmen. Sieben Vokale, die künftig in dem steinernen Haus wohnen würden, das bisher so stumm gewesen war wie ein Grabmal.

Und weil die Lyra alle drei Reiche in sich trug, Stein, Pflanze, Tier, würde sie eines Tages auf alle drei einwirken können: Steine in Bewegung setzen, wie beim Bau der Mauern Argyras, Bäume zum Zittern bringen, Tiere zum Innehalten zwingen. Das Flusswasser würde ihr gehorchen, denn Wasser und Stein gelten den Chryseiern als verwandt, und jede Stimme ist ein rhysis, ein Fließen. Im illyiontischen, aber auch im heutigen chryseiischen, fließen Stimmen, man kann sie gießen. Nicht ohne Grund ist die Lyra in Chryseia in den richtigen Händen ein mächtiges magisches Musikinstrument.

Als Europos die Saiten prüfte, klang die Lyra zum allerersten Mal. Das vormals stumme Tier hatte Stimme angenommen. Die Nymphe Moide würde es nach den alten Philosophen so sagen: Das tote Tier nahm Stimme an, das lebende war stumm. Die Schildkröte, die im Leben in ihrem steinernen Haus geschwiegen hatte wie eine Tote, sang nun im Tod, wie andere es nur im Leben tun. Europos spielte und sang, spontane Verse, leicht und tänzerisch wie ein erster Atemzug. Er ehrte Thassaidon und die Nymphe Oreade, seine Mutter, ihre Höhle, seine Heimstatt und das Liebesspiel der Götter und seine eigene Geburt. Doch sein Herz galt bereits anderen Dingen. Unstet zog es ihn hinfort. Er legte die Lyra in seine Wiege und sprang in die Nacht, auf zu neuen Abenteuern.

Der Rinderraub: Die Kunst der Umkehrung

Hermes (Europos) mit Apollons gestohlener Viehherde
Hermes (Europos) mit Apollons gestohlener Viehherde (KI-Bild: www.salecker.info)

Als die Sonne dem Ozean entgegengesunken war, gelangte Europos vom Berg Athoisos eilend zum schattigen Dikeos-Gebirgszug, mirlich von Neu Palabrion, wo Ethers göttliche Herde auf lieblichen Wiesen graste. Er entnahm fünfzig brüllende Kühe aus der Herde und trieb sie auf verschlungenen Wegen. Schlau, wie Europos war, kehrte er ihre Spuren um: die Vorderseite nach hinten und die Hinterseite nach vorne, so dass die Fährte scheinbar rückwärts lief, während Europos selbst die Tiere vorwärts trieb. Noch einmal die Umkehrung. Noch einmal die List des Gottes, dem die Spiegelung so vertraut ist wie das Atmen. Für sich selbst flocht er Sandalen aus Zweigen von Tamarisken und Myrten, leichtes Geflecht, das keine Spur hinterließ. Er trieb das Vieh durch schattige Berge, hallende Schluchten und blühende Ebenen Illyions.

Der Weg führte vorbei an einem Weinberg, wo ein alter Mann an seinen Rebstöcken arbeitete. Der Greis sah alles. Als der verfolgende Ether ihn später befragte, berichtete er bereitwillig. Er gab keinen Schwur im Voraus, nahm keine Kuh als Schweigegeld, wählte keine Steine als Vergleich. Er sagte nur, was er sah, und schwieg, wann es nötig war. So blieb er am Leben, kehrte zu seinen Reben zurück, und kein Hagel traf ihn in jenem Jahr.

Battos: Der Mann, der sich selbst zu Stein schwor

Als der Weg Europos durch die heutige Provinz Parexythria am Vorgebirge des Parnassos, auf halbem Wege nach Diptyché, vorbeiführte, saß auf einer Anhöhe ein alter Hirte namens Battos. Der Name war sein Schicksal: battos, das Repetitive, das endlose Wiederholen, ob im Stottern oder im Geschwätz, ob es Silben sind, die der Mund nicht loslässt, oder Geheimnisse, die die Zunge nicht behält. Battos sah die Herde vorbeiziehen und rief den fremden Treiber an. Ich werde schweigen, sagte er, als Europos ihm eine glänzende Kuh anbot, ich werde schweigen wie dieser Stein dort. Und er wies auf einen Felsblock am Wegesrand. Europos gab ihm die Kuh, und Battos schwor. Doch Europos kannte Schwätzer. Er versteckte die Herde, verwandelte sein Gesicht und kehrte als fremder Wanderer zurück. „Freund“, sprach er, „ich suche eine gestohlene Rinderherde. Hast du zufällig eine vorüberziehen sehen? Ich belohne jeden, der mir Auskunft gibt.“ Battos zögerte keinen Augenblick. Er verriet die Richtung, die Zahl, den Weg, und wiederholte genau das, was er geschworen hatte zu verschweigen. Er wählte den Stein als Bild seiner Verschwiegenheit. Er ahnte nicht, dass Europos die Bilder beim Wort nimmt. Europos sprach kein Wort des Zorns. Er sah den Mann an mit dem ruhigen Blick eines Gottes, der beide Seiten aller Grenzen kennt. Dann hob er die Hand. Battos, der Schwätzer, der seinen eigenen Eid im Munde zerrieben hatte wie schlechtes Korn, wurde zu dem, worauf er gezeigt hatte: ein petros, ein Felsen, ein Grabstein, der immerdar Eiseskälte und Sonnenhitze ausgesetzt ist, ohne Stimme, ohne Sprache, für immer. Der Stein wurde sein sema, sein Zeichen, sein Grabmal, und versiegelte ihn darin wie ein Schlüssel, der abgebrochen ist. Derjenige, der als Lebender zu viel geredet hatte, musste als Toter schweigen. Den Ort nannte man fortan die Warte des Battos, Skopiai Battou. Nun war das Spiegelbild vollständig.

Die Schildkröte hatte im Leben in einem steinernen Haus gelebt, hatte geschwiegen wie eine Tote, und sang nun im Tod. Battos hatte im Leben geplaudert und geschwatzt wie ein überquellender Brunnen, und schwieg nun im Tod, eingemauert in denselben Stein, der den Chryseiern als Material für Grabmäler und für Lyren gleichermaßen dient. Beide verwandelt durch dieselbe Hand, an demselben Tag, durch denselben Gott. Wer es sehen konnte, dem war die ganze Wahrheit offenbar.

Das Opfer: Der Ursprung des Ritus

Europos trieb die Herde weiter zum Fluss Illissos, brachte sie in hochgedeckte Ställe und nährte sie gut mit Lotus und taufrischem Galgant. Dann entzündete er das erste Feuer, denn Europos war es, der auch die Feuerstäbe und das Feuer erfand, das aus Kälte Wärme macht und aus Dunkel Licht. Er schlachtete zwei Kühe, bereitete das Fleisch auf hölzernen Spießen und legte so viele gleiche Opferportionen bereit, wie es große Göttinnen und Götter im alten Illyion gab. Dieses Tun war das erste Tieropfer. Viele sehen darin die Erfindung des Opferritus. Das Getötete wurde zum Geschenk erhoben. Der Tod wurde zur Gabe. Der süße Duft des Gebratenen ermüdete ihn, obwohl er ein Gott war. Doch sein stolzes Herz ließ ihn das Fleisch nicht anrühren. Er verwahrte alles, löschte die Glut, verscharrte die Asche und machte sich, leicht wie ein Herbstwind, wie Nebel, auf den Heimweg. Er schlüpfte durch das Schlüsselloch der Höhle, denn das Schlüsselloch ist die engste aller Schwellen, und keine Schwelle war je zu eng für Europos, und kuschelte sich in seine Wiege, die Lyra fest unter dem Arm. Als wäre sie ein Teil seines Körpers. Als wäre er selbst eine Schildkröte, ein Träger seines steinernen Hauses, eine Chelys, ein Brustkorb, in dem Lunge und Herz arbeiten; denn so nannten die Illyionter den menschlichen Thorax Chelys, Schildkröte und Lyra in einem. Jeder Mensch, der atmet, wohnt selbst in einem Schildkrötenpanzer. Jeder, der singt, ist selbst eine Lyra. Doch Oreade, seine Mutter, hatte alles bemerkt. „Was ist los mit dir, du Schurke?“, sprach sie zu ihm. „Woher kommst du so in der Nacht zurück, mit der Schamlosigkeit als Gewand? Ich glaube gewiss, dass der Ether dich bald mit Seilen vor die Tür treiben wird.“

Europos antwortete ihr listig: „Mutter, warum erschreckst du mich wie ein schwaches Kind? Wir werden uns nicht damit begnügen, als einzige unter allen Göttern ohne Opfer und Gebete zu sitzen. Es ist besser, in Gemeinschaft mit den Unsterblichen zu leben, reich und wohlhabend. Und was die Ehre betrifft, ich werde den Ritus vollziehen, den Ether pflegt.“ Er schmiegte sich in seine Windeln. Die Lyra lag neben ihm.

Ethers Zorn

Ether folgte einem Vogelzeichen und wusste sofort: Der Dieb war das Kind des Thassaidon und der Oreade. Er stieg in die dämmrige Höhle, über dem Fluss Varda gelegen, und fand Europos, der sich tief in seine Windeln geschmiegt hatte, die Lyra fest unter dem Arm, die Augen wach hinter geschlossenen Lidern. Ether durchsuchte jeden Winkel und wandte sich dann an das eingewickelte Kind mit harten Worten: „Komm heraus und berichte mir von meinem Vieh, sonst werfe ich dich in den finsteren Orkus, ins Dunkel, aus dem dich weder Mutter noch Vater je befreien werden.“

Europos antwortete mit seiner bekanntesten Unschuld: „Ether, was sind das für Worte? Ich habe dein Vieh nicht gesehen. Ich bin erst gestern geboren, meine Füße sind weich und der Boden rau. Den Weg zum Orkus kenne ich nicht.“ Dabei kannte er ihn genau. Er war der Einzige, der ihn kannte. Er war der Einzige, für den die Schwelle zwischen den Welten offen stand. Er war der Einzige, der sowohl die Lyra als auch den Grabstein erschaffen hatte: das Instrument der Rückkehr und das Instrument des endgültigen Abschieds.

Ether lachte leise und sprach spöttisch: „Du Schurke, du listig Herz. Nun komm aus deiner Wiege, Gefährte der dunklen Nacht, von nun an soll der Fürst der Räuber dein Beiname sein.“ Er nahm das Kind in die Hände. Doch Europos sandte sogleich ein Omen aus, einen dröhnenden Bauchboten, und nieste danach. Ether ließ ihn überrascht fallen und sprach belustigt: „Fürchte dich nicht, du eingewickeltes Kind. Ich werde mein Vieh bald finden, und du wirst den Weg zeigen.“ Als Ether Weidenzweige flechten wollte, um Europos zu binden, begannen sie sofort, unter ihren Füßen aus dem Boden zu wachsen und alles zu umschlingen. Der listige Europos spürte, dass die Zeit für Fesseln vorbei war. Es war die Zeit für die andere Waffe.

Die Macht der Lyra: Wenn der Stein singt

Der noch junge Gott nahm die Lyra auf seinen linken Arm und prüfte jede der sieben Saiten. Das Instrument klang in seiner Hand ehrfurchtgebietend, sieben Stimmen aus einem steinernen Grab, aus einem stummen Tier, aus einem Haus, das seine Bewohnerin verlassen hatte, um zu singen. Der Panzer hatte Schilf und Holz und Rinderhaut und Schafdarm aufgenommen, hatte alle drei Reiche in sich vereint, das Mineralische, das Pflanzliche, das Tierische, und jetzt sprach er für alle drei.

Und Ether, der Gott des Klangs, der Unfehlbare mit dem Bogen, hörte etwas, das er noch nie gehört hatte. Eine Sehnsucht ergriff ihn, tief wie ein Brunnen ohne Boden, und er lachte aus Staunen: „Viehtreiber, Trickser, Unruhiger, Gefährte des Festmahls! Dieser Gesang von dir ist fünfzig Kühe wert. Wunderbar ist dieser neue Klang, ein solcher, den noch kein Mensch und kein Gott Illyions je gehört hat außer dir, du diebischer Sohn der Oreade. Ich staune. Hier liegen drei Dinge bereit, aus denen man wählen kann: Freude, Liebe und süßer Schlaf. “

Europos spielte und sang. Er sang die Geschichte der unsterblichen Götter, ehrte zuerst die Mutter der Musen und pries dann alle Unsterblichen nach ihrem Alter. Es war der Klang, dem Steine gehorchen würden, wie später dem Amphion, dem Europos selbst die Lyra schenken würde, nachdem dieser ihm den ersten Altar gebaut hatte, und der damit die Mauern Argyras errichten würde. Die Felsen kamen von sich aus, gerufen durch sieben Stimmen, Saiten aus einem steinernen Haus, und fügten sich in die Mauern ein. Es war der Klang, den Priester des Jakchos in ihren heiligen Büchern aufschreiben würden. Die Sammlung trug den Titel Die Lyra, über die Anrufung der Seelen, und es lehrte, dass die Seelen ohne die Lyra nicht aus der Unterwelt aufsteigen können. Die Lyra war das genaue Gegenteil des Grabsteins: Der Grabstein hielt die Seelen unten, die Lyra rief sie zurück.

Als Europos fertig gespielt hatte, stellte er die Lyra vor Ether hin und sprach: „Da dein Herz so sehr darauf versessen ist, die Lyra zu spielen, nimm sie als Geschenk von mir. Verleihe mir dafür Ruhm. Sie lehrt den Weisen alles, was den Geist erfreut.“

Der Tausch, der Bund und das goldene Zeichen

Hermes (Europos) überreicht Apollon (Ether) die Lyra
Hermes (Europos) schenkt Apollon (Ether) die Lyra (KI-Bild: www.salecker.info)

Ether nahm die Lyra an und übergab Europos bereitwillig seinen glänzenden Geißelstab, den Kerykeion. Zum Hüter der Herden war er von nun an bestellt. Ether nahm die Lyra auf den linken Arm, prüfte jede Saite. Das ehrfurchtgebietende Klingen füllte die Höhle und drang durch das Schlüsselloch nach draußen, hinaus in die Luft, durch die kurz zuvor der Hagel geprasselt hatte wie ein ungebetener Gott, hinaus in die Luft des Frühlings, des März, des April, der Jahreszeit, in der die Schildkröten aus dem Orkus ans Licht zurückkehren. Danach trieben beide Söhne des Thassaidon das Vieh zurück zur heiligen Weide und eilten zum verschneiten Etoikleas (nahe des heutigen Kreopolis), sich an der Lyra erfreuend. Der weise Thassaidon war froh, den nahenden Zwist zwischen den Halbbrüdern beendet zu sehen und machte sie zu Freunden. Für sich selbst aber ersann Europos noch eine weitere Erfindung und schuf die Hirtenflöte, die Floyera, deren Klang weit über Felder und Hügel trägt. Eben die Flöte, die neben der Syrinx bei den Anhängern des Jakchos beleibt ist.

Ether schwor, Europos Gefährte zu sein und keinen anderen Unsterblichen mehr zu lieben als ihn, und fügte hinzu: „Ich werde dir außerdem einen goldenen Stab mit drei Zweigen geben, der dich unversehrt halten wird.“ Und drei heilige Schwestern, Jungfrauen mit Flügeln, ihre Köpfe mit weißem Mehl bestreut, wohnend unter einem Grat des Parnassos Gebirgszuges, sie sind Lehrerinnen der Wahrsagerei. Wenn der Honig sie beseelt, sprechen sie die Wahrheit; wer sie ohne den Honig befragt, dem plappert jede nur Eitelkeit zu. Vom Himmel her bestätigte Vater Thassaidon selbst diese Worte und ordnete an, dass der glorreiche Europos Herr über alle Vögel des Omens, über Löwen, Eber, Hunde und alle Herden Magiras sein sollte. Und er allein sollte als bestellter Bote zu Leukos, dem stillen Wächter der Unterwelt, in den Orkus hinabgehen, denn er kannte den Weg. Keine andere Gottheit wusste, wie man durch das Schlüsselloch der Unterwelt gelangt und wieder zurückkommt. Keine andere Gottheit trug diese doppelte Bürde.

Was an einem einzigen Tag erschaffen wurde

So hatte Europos an einem einzigen Tag fünf Dinge in die Welt Magira gebracht: das Feuer, das aus Kälte Wärme macht, aus Dunkel Licht; der erste Übergang der Elemente. Das Tieropfer, das das Getötete zur Gabe erhebt, den Tod in Dank verwandelt; die Erfindung des Opfer-Ritus. Die Lyra, die aus dem steinernen Schweigen Stimme macht, aus dem toten Tier Gesang, aus dem Orkus Licht; die Tür, die aufgeht. Den Grabstein, der das Sprechen zum Schweigen verdammt, das Leben in Tod verwandelt, den Orkus versiegelt; die Tür, die geschlossen bleibt. Die Hirtenflöte, das einfachere Instrument, das mit den Herden über Hügel und Ebenen zieht und den Alltag begleitet, während die Lyra den Göttern und den Toten gehört. Alle fünf sind Übergänge. Alle fünf sind Umkehrungen. Alle fünf tragen die Handschrift desselben Gottes, des einzigen, der nicht auf einer Seite der Schwelle wohnt, sondern auf der Schwelle selbst.

Das Spiegelbild ist vollständig

Die Schildkröte hatte im Leben in einem steinernen Haus gelebt, sie trug ihr eigenes Grab auf dem Rücken, atmete in etwas Totem, war stumm wie der Tod, dem sie täglich ähnelte. Und doch kannte sie den Orkus, stieg jeden Herbst hinab, kehrte jeden Frühling zurück, ein schamanisches Urbild der Wiederkehr. Als sie starb, sang sie. Als ihr Panzer zerbrochen und gereinigt war, als Schilf und Holz und Rinderhaut und Schafdarm sich um ihn scharten und alle drei Reiche in ihm Heimat fanden, begann das steinerne Haus zu singen. Das tote Tier nahm Stimme an, das lebende war stumm. Sieben Vokale zogen in das ein, was bisher nur Schweigen kannte.

Battos hatte im Leben geplaudert, ein Schwätzer, dessen Zunge sich schneller bewegte als sein Urteil, der dieselbe Nachricht zweimal sagte und sie damit zerbrach wie ein schlechtes Versprechen. Als er starb, wurde er zu Stein. Kein Vokal blieb zurück, kein Flüstern, keine unterirdische Schrift, keine Fußabdrücke, die den Weg zurückwiesen. Nur Eis im Winter, Hitze im Sommer, und das Schweigen des Minerals, das nie geatmet hat. Die Schildkröte: im Leben ein atmender Stein, stumm wie ein Grabmal, im Tod eine singende Lyra, offen wie eine Tür. Battos: im Leben ein sprechender Mensch, plaudernd wie ein Brunnen, im Tod ein stummer Stein, geschlossen wie ein Grab. Beide verwandelt durch dieselbe Hand. Beide bezeugen dieselbe Wahrheit. Und Europos geht seinen Weg, durch das Schlüsselloch, in der Nacht, wenn keiner hinsieht, von der Schildkröte zum Battos, von der Lyra zum Grabstein, von der Stimme zur Stille, von der Stille zur Stimme, immer und immer wieder, so lange die Welt besteht. Denn er ist der Gott der Grenzen. Und alle Grenzen führen irgendwann an dieselbe Schwelle, die zwischen dem, was spricht, und dem, was verstummt.

Der menschliche Brustkorb heißt auf illyiontisch Chelys, Schildkröte und Lyra in einem. Wer atmet, wohnt in einem Schildkrötenpanzer. Wer singt, ist selbst ein Instrument. Und wenn er schweigt, für immer schweigt, dann ist er Stein. Singe, Muse. Solange du kannst. So, lebe wohl, Europos, Sohn des Thassaidon und der Oreade. Ich werde dich in Erinnerung behalten, und auch ein anderes Lied.

Hermes (Europos), Gott der Diebe, Reisenden und Händler
Hermes (Europos), Gott der Diebe, Reisenden und Händler (KI-Bild: www.salecker.info)

Das passt: