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Chryseia: Der Ilion-Münzfund von Berlin-Spandau

7–11 Minuten

2025 machte ein 13-jähriger Schüler auf einer landwirtschaftlichen Ackerfläche in Berlin-Spandau eine außergewöhnliche Entdeckung: eine mehr als 2.000 Jahre alte Bronzemünze, der erste archäologische Fund der griechischen Antike im Berliner Stadtgebiet. Der ehrliche Finder meldete den Fund ordnungsgemäß ans Landesdenkmalamt Berlin und ermöglichte so, der Geschichte Spandaus eine weitere besondere Facette hinzuzufügen.

Da soll mal jemand etwas gegen die Jugend von heute sagen!

Eine mehr als 2.000 Jahre alte Bronzemünze auf einem Acker in Spandau gefunden
13jähriger findet in Spandau eine antike Münze (KI-Bild: www.salecker.info)

Das Denkmalamt untersuchte daraufhin den Fundort. Dabei kamen weitere Artefakte zutage:  Keramikfragmente, Leichenbrand, ein Bronzedoppelknopf sowie römische und slawische Objekte wie ein Messerscheidenbeschlag, deutliche Hinweise auf ein bronze- bis früheisenzeitliches Gräberfeld mit langer Nutzungsgeschichte. Zunächst war unklar, ob es sich bei der Spandauer Münze aus dem antiken Ilion um ein neuzeitlich verlorenes Sammlerstück handeln könnte, doch der vielschichtige Fundkontext bestätigt die antike Nutzung des Ortes. Ohne die Ehrlichkeit des Jungen wäre es nicht möglich gewesen, einen historischen Kontext herzustellen, schließlich hätte diese Münze, deren Materialwert sehr gering ist, einfach ihrem früheren Besitzer aus der Tasche gefallen sein können.

Chryseia-Ilion in Spandau?!

Die Wurzeln des Fantasy-Landes Chryseias in der Welt Magira liegen in Illyion (dem fiktiven Vorläuferland). Diese Namensähnlichkeit ist natürlich nicht zufällig. Bei der Schaffung der ältesten kontinuierlich bespielten Fantasy-Welt Deutschlands (Magira) wurden in den 1960er Jahren gerne historische Bezüge genutzt. In den Jahrzehnten danach entwickelten die geschaffenen Kulturen ein Eigenleben. Die Wechselwirkungen untereinander und die Kreativität hunderter Menschen lassen Magira auch heute eine dynamische Welt sein, in der jede(r) eine Möglichkeit findet, diese mitzugestalten.

Im letzten Jahr hatte ich (hier in Spandau) die umfangreiche Enzyklopädie Chryseias fertiggestellt (als Hintergrund oder Quellenbuch für Geschichten und Fantasy-Rollenspiel) und nun findet sich im schönen Spandau mit der Ilion-Münze eine direkte Verbindung in eine weit zurückliegende reale Vergangenheit. Es ist schön, wenn sich solche Verbindungen zeigen. Historie und Fiktion vereinen sich am selben Ort. 😉

Die Münze aus Ilion

Das kleine Bronzestück aus Spandau misst nur 12 mm im Durchmesser und wiegt rund 7 g. Es datiert auf 281–261 v. Chr. (hellenistische Zeit) und stammt aus der Münzstätte Ilion, dem antiken Troja im Nordwesten der heutigen Türkei. Die Vorderseite zeigt den Kopf der Göttin Athena mit korinthischem Helm, die Rückseite die Athena Ilias mit Kalathos-Kopfschmuck, einem Speer in der rechten und einer Spindel in der linken Hand, Symbole für Krieg und Webkunst. Aufgrund des geringen Materialwerts wird keine wirtschaftliche, sondern eine symbolische Funktion vermutet, etwa als Grabbeigabe.

Antike Münze: Athena Ilias mit Kalathos-Kopfschmuck
Münze aus Troja: Athena Ilias mit Kalathos-Kopfschmuck (KI-Bild: www.salcker.info)

Ilion (Troja): Münzprägung der mythischen Stadt

Ilion wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. an der antiken Stätte Trojas gegründet und entwickelte sich zu einer bedeutenden Münzprägestätte der hellenistischen Welt. Die Stadt war berühmt für ihren Tempel der Athena Ilia, den historische Größen wie XerxesAlexander der Große und Caracalla nacheinander besuchten. Die Römer verehrten Ilion als ihre mythische Mutterstadt – in Anspielung auf die von Vergil verherrlichte Flucht des Aeneas aus den Ruinen Trojas.

Das Heiligtum und der Tempel in Ilion war der Athena Ilia geweiht – einem lokalen Kultbeinamen der Göttin Athena, der sie als Schutzgöttin der Stadt Ilion (Troja) kennzeichnet. Der Tempel datiert in das 3. Viertel des 3. Jahrhunderts v. Chr. (Baubeginn) und wurde in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. fertiggestellt.

Verwechslungsgefahr

Der Beiname „Ilia“ klingt wie der Titel von Homers Epos, der Ilias, das ist jedoch etymologisch etwas anderes. „Ilia“ leitet sich von Ilion (dem griechischen Namen Trojas) ab und bedeutet schlicht „die Ilische“ oder „die von Ilion“. Der Beiname Athena Ilia ist damit eine topografische Bezeichnung, analog zu:

  • Athena Polias (Schutzgöttin der Polis, z. B. in Athen oder Priene)
  • Athena Pronaia (Vorhüterin, in Delphi)
  • Athena Nike (siegbringende Athena, in Athen)

Das Heiligtum Athena Ilia

Das Heiligtum der Athena Ilia war weit mehr als ein religiöser Ort – es bildete das politische und ideologische Herzstück von Ilion in der hellenistischen Zeit.

Ilions wichtigstes Kapital war seine mythische Identität als antikes Troja. Der Tempel der Athena Ilia verkörperte diese Tradition und machte die Stadt zum symbolischen Ursprungsort Roms – über die Figur des Aeneas – sowie zum Pilgerziel für alle, die an der trojanischen Mythossphäre teilhaben wollten. Diese Aura zog mächtige Besucher an: Xerxes (480 v. Chr.), Alexander der Große (334 v. Chr.) und später Caracalla opferten am Tempel – nicht allein aus Frömmigkeit, sondern um sich durch die Assoziation mit der Trojasage politische Legitimation zu verschaffen.

Hellenistische Könige und das Heiligtum

In der hellenistischen Ära nutzten Könige das Heiligtum gezielt als Bühne politischer Inszenierung. Aus Ilion ist ein Dekret überliefert, das einen Kult für Seleukos I. beschreibt: Ein Altar wurde errichtet, Opfer und Wettkämpfe abgehalten – als Dank für die Befreiung der Stadt von Lysimachos. Antiochos I. erhielt sogar den Ehrenbeinamen Soter (Retter); seine Reiterstatue wurde im Tempel der Athena aufgestellt, versehen mit den Titeln soter und euergetes. So tief war der Herrscherkult in das städtische Leben eingebettet, dass in Ilion während des Festmonats Seleukeios die Gerichtsverhandlungen ruhten.

Die Panegyris: Fest als politisches Forum

Das jährliche Athena-Fest – die Panegyris – übte eine Funktion weit jenseits des Religiösen aus. Gesandte, Händler und Vertreter aus der gesamten hellenistischen Welt reisten an, um Verträge zu schließen, Streitigkeiten beilegen zu lassen und diplomatische Verbindungen zu pflegen. Ilion nutzte diesen überregionalen Versammlungsort, um als diplomatisches Zentrum der Troas aufzutreten – eine Rolle, die seiner eigentlichen militärischen und wirtschaftlichen Stärke weit vorausging.

Münzprägung als Markenbotschaft

Die Münzen der Stadt spiegelten diese Funktion unmittelbar wider. Das allgegenwärtige Motiv der Athena Ilia – auf Vorder- und Rückseite zugleich – war kein zufälliges Bild, sondern ein bewusstes Identitätssignal: Ilion kommunizierte über seine Münzen im gesamten Mittelmeerraum, woher seine Autorität stammte und welchem Erbe es sich verpflichtet fühlte. Dass solche Münzen bis nach Berlin-Spandau gelangten, zeigt, wie weit diese Botschaft tatsächlich reichte.

Sonderbeziehung zu Rom

Den größten politischen Nutzen zog Ilion aus seiner einzigartigen Beziehung zu Rom. Da die Römer sich als Nachkommen des trojanischen Flüchtlings Aeneas verstanden, genoss Ilion besondere Privilegien: Steuerfreiheit, städtische Autonomie und bauliche Förderung durch römische Gönner. Der Tempel der Athena Ilia war damit der Anker einer außenpolitischen Identität, die die Stadt über Jahrhunderte vor der Bedeutungslosigkeit bewahrte – ein seltenes Beispiel dafür, wie ein Heiligtum zur dauerhaften Staatsräson werden konnte.

Die Münzstätte Ilion

Die Münzstätte Ilion knüpfte bewusst an die mythische Tradition Trojas an und war eine bedeutende Prägestätte der hellenistischen Zeit. Sie produzierte vor allem Bronzemünzen ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. bis ins 2. Jahrhundert v. Chr., stets mit Motiven der Athena Ilias, der Schutzgöttin der Stadt. Die Prägungen dienten sowohl der lokalen Wirtschaft als auch dem Pilgerverkehr zur Panegyris, dem Fest der Athena, das Besucher aus der gesamten antiken Welt anzog.

Numismatisch ist Ilion seit den Ausgrabungen von Heinrich Schliemann und Wilhelm Dörpfeld im 19. Jahrhundert gut erforscht. Hans von Fritze’s Werk „Die Münzen von Ilion“ katalogisiert Dutzende Typen. Viele Stücke befinden sich heute im Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin.

Handelswege und die Bernsteinstraße

Dass eine Münze aus dem antiken Troja in Norddeutschland auftaucht, erklärt sich durch ein weitverzweigtes Netz antiker Handelsrouten, die sogenannte Bernsteinstraße. Seit der Bronzezeit (ab ca. 3000 v. Chr.) transportierten Händler begehrten baltischen Bernstein (Elektron: ἤλεκτρον), von der Ostseeküste (Polen, Baltikum) durch Mitteleuropa bis in den Mittelmeerraum. Der Hauptweg verlief über WeichselBreslauWien und die Donau bis nach Aquileia an der Adria; westliche Routen nutzten Rhein und Rhone.

Der Handel war keine Einbahnstraße: Im Gegenzug für Bernstein flossen südliche Güter, wie z.B. Wein, Keramik und eben auch Münzen,  nach Norden. Über Rhein oder Donau gelangten griechische Objekte bis nach Germania, wo Gräberfelder wie das in Spandau solche Artefakte aufnahmen. Der Spandauer Fund ist damit ein eindrucksvolles Zeugnis dieser weitreichenden Nord-Süd-Kontakte der Antike, die Troja mit dem heutigen Berlin verbanden.


Münzen und Tod im antiken Griechenland

Im antiken Griechenland glaubte man, dass die Seele nach dem Tod in die Unterwelt reist.
Rolle des Fährmanns Charon und des Charonspfennigs (KI-Bild: www.salecker.info)


Mythologischer Hintergrund: Die Reise der Seele

Der Fund im Bereich eines Gräberfeldes und der geringe Materialwert lassen auf eine Grabbeigabe schließen.

Im antiken Griechenland (ab ca. 6. Jh. v. Chr.) glaubte man, dass die Seele (psychē oder eidolon) nach dem Tod in die Unterwelt (Hades) reist. Diese lag jenseits des Flusses Styx (oder Acheron), der die Welt der Lebenden von der der Toten trennt. Ohne richtige Bestattung blieb die Seele als ruheloser Schatten (aoroi) am Ufer haften, eine Qual, die selbst für die Lebenden Unheil brachte.

  1. Rolle des Fährmanns Charon und des Charonspfennigs
    Der Charonspfennig (griech. danakē oder Obolos, eine kleine Silbermünze) wurde dem Toten in den Mund gelegt (manchmal unter die Zunge oder in die Hand). Er diente als Fährlohn für Charon, den unerbittlichen Fährmann der Unterwelt. Charon setzte nur Passagiere über, die bezahlten, sonst verweigerte er der Seele die Überfahrt. Diese Praxis ist archäologisch seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. belegt (z. B. Funde in Gräbern auf Zypern und Kreta) und wurde bis in hellenistische/ römische Zeiten (inkl. Byzanz) fortgeführt.
  2. Bestattungsritus und Symbolik
  • Platzierung im Mund: Symbolisierte den Übergang (Mund als „Pforte der Seele“) und verhinderte Verlust während der rituellen Waschung/Salbung. Zusätzlich gab es oft Honigkuchen für Hunde des Hades (Kerberos) oder Gaben für Persephone.
  • Soziale Aspekte: Arme erhielten kleine Bronzemünzen, Reiche wertvollere. Fehlte der Obolos, drohte der Toten ein qualvolles Schicksal, daher war es familiäre Pflicht.
  • Historischer Kontext: Der Brauch wurzelt in homerischen Epen (Odyssee) und spiegelt den Fürsorgeglauben wider: Ritus sichert den Toten ewige Ruhe und schützt die Lebenden vor Geisterrache.

Das PETRI Berlin

Die „Spandauer“ Münze ist heute im PETRI Berlin zu besichtigen, dem Archäologie-Lab des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin. Es befindet sich in der Gertraudenstraße 8, 10178 Berlin (Mitte, nahe Petriplatz). Geöffnet ist es Dienstag bis Freitag von 9–17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 10–18 Uhr (Montag geschlossen). Der Eintritt beträgt 6 € (ermäßigt 3 €, unter 18 Jahren frei).

Daten zur hier genutzten Münzabbildung aus der Wikipedia

Diese Abbildung wurde genutzt und ein wenig aufgebessert, weil sie besser zeigt, welche Prägung dort zu sehen ist. Das originale Fundstück lässt diese weniger gut zu erkennen.

Der Spandauer Münzfund ähnelt sehr der Abbildung der in Spandau gefundenen Münze.

Deutsch: Vorderseite: Kopf der Athene mit korinthischem Helm nach l.

Rückseite: IΛI. Athena Ilias mit Speer und Spinnrocken in Schrittstellung auf niedrigerer Basis nach l. Ich bin l. F. hockt eine Eule, darüber ein Monogramm aus AI oder AV.

Literatur: CR Fox, Gravuren unbearbeiteter oder seltener griechischer Münzen II (1862) 47 Taf. 3,47 (dieses Stück); H. von Fritze, Die Münzen von Ilion, in: W. Dörpfeld, Troja und Ilion. Ergebnisse der Ausgrabungen in den vorhistorischen und historischen Schichten von Ilion 1870-1894 (1902) 479 Nr. 6 (dieses Stück, um 250 v. Chr.); AR Bellinger, Troy. Die Münzen. Ergänzungsmonographie 2 (1961) 21 Nr. T 31 (dieses Stück, gegen Ende der seleukidischen Kontrolle, ca. 241-228 v. Chr.). Weitere Informationen zum Objekt finden Sie hier: https://ikmk.smb.museum/object?id=18252142